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30 Jahre Mauerfall › Erinnerungen aus Österreich

Gastartikel von Lieselotte Pliem

Am 09. November 1989 war endlich so weit. Die Berliner Mauer, die einst die DDR von West-Berlin unpassierbar abriegelte, war gefallen. Wer erinnert sich noch an den Oktober 1989? „Ach komm“, sagen da wohl viele Menschen, „wir haben schon zu viel gehört, mit Mauerfall und so!“

Mauerfall

Nur, es war nicht nur der Mauerfall, der diese Zeit damals, so dramatisch gemacht hat.

Die Stunden vor dem Mauerfall

Diese Zeit hat den Eisernen Vorhang gesprengt. Ein großes Umdenken von allen Menschen in Ost und West gefordert. Auch sind viele DDR-Flüchtlinge über die damalige Tschechoslowakei und Ungarn nach Österreich gekommen.

Ich erinnere mich ziemlich genau, haben die damaligen Umstände doch auch mein Leben direkt beeinflusst.Mehrere DDR-Familien fanden in meiner Wohnung eine ruhige Zwischenstation, vermittelt durch die damals noch von Schweizer Kapuzinermönchen geführte Pfarre Gatterhözl. Ganz selbstverständlich haben sich dort Gruppen für die Versorgung der Geflüchteten gebildet. Die Organisation hat tadellos funktioniert.Abholen von den Bahnhöfen und Sammelstellen, Erstversorgung in der Pfarre und mit anschließender Unterbringung bei heimischen Familien.

Nach der notwenigen Erholungsphase die Weiterleitung zu den gewünschten Zielen. Alles ging ohne viel Herumgerede vonstatten. Alles, ohne einem ständigen Nachfragen nach dem Warum und Wieso. Die geflüchteten Menschen brauchten Hilfe und haben diese bekommen.

Offiziell waren fast alle Flüchtlinge Urlauber. Dass sie in Österreich überhaupt angekommen sind, war den Umständen glücklicher Ereignisse, des Zusammenhaltes und großer Willensanstrengungen vieler zu verdanken. Alles, kleine und große Wunder!

Besonders dramatisch waren dann wirklich die Stunden vor dem Mauerfall.

Eine Mutter mit ihren beiden Kindern war damals bei mir untergebracht, die ich zuvor direkt beim Westbahnhof abgeholt habe. Sie waren voller Angst und Zweifel. Konnten sich nur langsam etwas entspannen und Ballast abwerfen. Fernseher und Radio hatten Hochbetrieb … und dann lag am 9. November 1989 wieder hochgradige Spannung in der Luft. Schier unerträglich waren die Stunden bis Mitternacht und kurz davor dann ein nicht enden wollendes Umarmen und Tränen der Freude!

Wir konnten gar nicht genug bekommen, vom Feiern! DIE BERLINER MAUER WAR GEFALLEN!

Die Chance auf reale Hoffnung für eine freie Zukunft formte das Leben der jungen Familie. Ich hab noch immer das Foto vom Abschiedstag. Viele Erlebnisse sehe ich noch immer vor meinen geistigen Augen.

Viel hat sich in all den folgenden Jahren getan. Meine Hoffnung, dass die DDR genug Zeit haben würde, sich den westlichen Gegebenheiten anzupassen, hat sich nicht erfüllt. Für mich ist alles zu schnell gegangen. Der noch heute existierende Unterschied vom Lohnniveau zwischen West und Ost, die industriellen Möglichkeiten und mehr, strafen meine damaligen Befürchtungen leider keiner Lüge. Dennoch sind sie mir lieb und wert, die Ossis. Als Ösi möge man mir dieses kleine Wort zugestehen, gebrauche ich es doch mit Respekt und Achtung.

Man hätte ihnen mehr Zeit schenken sollen. Auch wir im Westen hatten Zeit, um uns und unser Umfeld aufzubauen. Gleiche Chancen und Gleichwertigkeit dürfen keine leeren Begriffe sein. Frieden erhält sich nicht durch stete trennende Linien und dem steten Aufzeigen von Unterschieden.

Frieden verlangt nach Gleichstand und Gleichwertigkeit. Ob wir aus der Vergangenheit lernen? Lernen wollen? Diese Frage muss jeder für sich selbst beantworten.

Unsere Antworten, die wir uns selber geben, ungeschminkt und ehrlich, werden schicksalhaft für die Zukunft sein.

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